Sicher durch die Krise: Warum ein persönlicher Schutz- und Sicherheitsplan so wichtig ist
Ein Sicherheitsplan ist eine individuell zugeschnittene Strategie, die dir hilft, dich in Situationen häuslicher Gewalt besser zu schützen. Er ist kein "Papier für später", sondern ein praktischer Leitfaden für Momente, in denen Stress, Angst oder Eskalation es schwer machen, klar zu denken.
Viele Betroffene berichten, dass Gewalt nicht immer plötzlich beginnt, sondern sich schrittweise steigert: abwertende Kommentare, Kontrolle, Drohungen, Isolierung, dann körperliche Übergriffe. Ein Sicherheitskonzept hilft dir, schon vor einer Eskalation konkrete Schritte zu kennen – und im Ernstfall schneller zu handeln.
In diesem Artikel erfährst du, wie du einen Sicherheitsplan bei häuslicher Gewalt erstellst, der zu deinem Alltag passt: ob du mit dem Täter/der Täterin zusammenlebst, ob Kinder betroffen sind, ob du in Deutschland oder Österreich Unterstützung suchst oder ob digitale Kontrolle eine Rolle spielt.
Wichtiger Hinweis: Akute Gefahr und Soforthilfe
Wenn du oder deine Kinder in unmittelbarer Gefahr seid, gilt: Sicherheit zuerst. Verlasse die Wohnung, wenn es möglich ist, suche einen belebten Ort (Nachbar:innen, Geschäft, öffentliche Einrichtung) und hole Hilfe.
- Deutschland: Polizei 110, Feuerwehr/Rettung 112
- Österreich: Polizei 133, Euro-Notruf 112, Rettung 144
- Rund um die Uhr (DE): Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ 116 016 (kostenfrei, anonym, mehrsprachig, Chat möglich)
- Österreich: Frauenhelpline gegen Gewalt 0800 222 555 (24/7)
- Für Kinder/Jugendliche: Deutschland „Nummer gegen Kummer“ 116 111 (Zeiten beachten), Österreich Rat auf Draht 147
Hinweis: Prüfe, ob ein Anruf sicher ist. Manchmal ist ein Chat oder eine Nachricht an eine Vertrauensperson unauffälliger.
Was zählt als häusliche Gewalt? Formen, die oft übersehen werden
Häusliche Gewalt umfasst nicht nur körperliche Übergriffe. Häufig sind es Kombinationen mehrerer Gewaltformen, die Betroffene schrittweise einschränken.
Typische Gewaltformen
- Psychische Gewalt: Demütigungen, Beschimpfungen, Drohungen, Einschüchterung, Gaslighting
- Körperliche Gewalt: Schubsen, Schlagen, Würgen, Festhalten, Einsperren
- Sexualisierte Gewalt: erzwungene Handlungen, Druck, Kontrolle über Verhütung
- Soziale Kontrolle: Isolation von Freund:innen/Familie, Überwachung, Eifersucht als Vorwand
- Ökonomische Gewalt: Geldentzug, Kontrolle über Konten, Schulden auf deinen Namen
- Digitale Gewalt: Stalking, Spyware, Passwörter erzwingen, Standorttracking
Ein wirksamer Plan berücksichtigt alle diese Ebenen – besonders dann, wenn die Gewalt (noch) nicht sichtbar ist, aber die Kontrolle bereits stark zunimmt.
Grundprinzipien eines guten Sicherheitsplans
Ein Schutzplan funktioniert am besten, wenn er realistisch, einfach und anpassbar ist. Du musst nicht alles auf einmal umsetzen. Oft ist es hilfreich, in Etappen zu planen.
- Individuell statt perfekt: Was für andere passt, muss nicht zu deiner Situation passen.
- Redundanz: Plane Alternativen (z.B. zwei Fluchtwege, zwei Kontaktpersonen).
- Unauffälligkeit: Maßnahmen sollten den Täter/die Täterin nicht zusätzlich provozieren.
- Kinderschutz: Kinder brauchen klare, altersgerechte Regeln.
- Dokumentation & Beweise: Wenn sicher, unterstützend für rechtliche Schritte.
Schritt 1: Risiko einschätzen – Warnzeichen und Eskalationsfaktoren erkennen
Eine grobe Risikoeinschätzung hilft dir zu entscheiden, welche Maßnahmen zuerst kommen. Gewalt eskaliert nicht immer linear – aber es gibt bekannte Risikofaktoren.
Warnzeichen, die eine Eskalation wahrscheinlicher machen können
- Würgen/Strangulation (auch „nur kurz“) – gilt als besonders gefährlich
- Drohungen gegen dich, Kinder, Haustiere oder sich selbst
- Besitz einer Waffe oder Zugang zu Waffen/Messern
- Stalking, starke Kontrolle, Überwachung
- Trennung/Trennungsabsicht – häufige Hochrisikophase
- Substanzmissbrauch (Alkohol/Drogen) plus Gewaltmuster
Wenn mehrere Punkte zutreffen, ist es sinnvoll, besonders schnell Unterstützung einzubeziehen (Beratungsstelle, Polizei, Frauenhaus/Gewaltschutzzentrum) und den Plan auf Notfallmodus auszurichten.
Schritt 2: Dein Notfallnetzwerk – Menschen, die du wirklich nutzen kannst
Viele Betroffene haben Kontakte – aber in der Krise zählt, wer erreichbar ist, wer diskret handelt und wer nicht überfordert. Baue ein Netzwerk aus 2–5 Personen auf.
So wählst du Vertrauenspersonen aus
- Menschen, die zuverlässig und nicht parteiisch sind
- Personen, die nicht direkt vom Täter/der Täterin beeinflusst werden
- Jemand in der Nähe (für schnelle Hilfe) und jemand außerhalb (für Rückzugsort)
Praktische Absprachen, die wirklich helfen
- Codewort per SMS/Chat: z.B. „Kannst du das Rezept schicken?“ = „Ruf die Polizei“
- Check-in Zeiten: z.B. jeden Abend um 21:00 kurzes Zeichen
- Abholplan: Wer kann dich (und Kinder) im Notfall holen?
- Sichere Adresse: Wer kann dich kurzfristig aufnehmen?
Tipp: Schreibe wichtige Nummern zusätzlich analog auf (kleiner Zettel im Portemonnaie), falls dein Handy weggenommen wird.
Schritt 3: Flucht- und Notfallplan zu Hause – Wege, Räume, Routine
Wenn du mit der gewaltausübenden Person zusammenlebst, kann ein Notfallplan in der Wohnung entscheidend sein. Ziel ist nicht „konfrontieren“, sondern Zeit gewinnen und rauskommen.
Sichere und unsichere Räume
- Meide Küche (Messer), Bad (enge Räume), Keller/Garage (Abschottung)
- Bewege dich, wenn möglich, in Richtung Ausgang oder zu Räumen mit Fenster
- Halte dich in Konfliktsituationen eher in Bereichen auf, wo Nachbar:innen dich hören könnten
Fluchtwege planen
- Definiere mindestens zwei Wege nach draußen
- Lege Schlüssel so ab, dass du schnell drankommst (aber nicht auffällig)
- Wenn möglich: Auto so parken, dass du vorwärts rausfahren kannst
Kleine Vorbereitung mit großer Wirkung
- Immer etwas Bargeld zurücklegen (auch kleine Beträge)
- Powerbank, Ladekabel, eine zweite SIM oder ein altes Handy, wenn sicher
- Wenn du es verantworten kannst: wichtige Dinge in Etappen aus der Wohnung bringen
Schritt 4: Kinder schützen – altersgerechte Regeln und Notfallübungen
Kinder erleben Gewalt – auch wenn sie nicht direkt betroffen sind. Ein Sicherheitsplan bei häuslicher Gewalt muss deshalb immer Kindersicherheit mitdenken.
Was Kinder wissen sollten (ohne sie zu überfordern)
- Sie sind nicht schuld.
- Sie sollen nicht vermitteln oder eingreifen.
- Sie dürfen Hilfe holen: Nachbar:in, Familie, Polizei.
Konkrete Notfallregeln
- Ein sicherer Ort: z.B. Nachbarwohnung, Treppenhaus, vereinbarter Laden
- Ein Codewort, das bedeutet: „Jetzt sofort raus/Telefon holen“
- Notruf üben: Wie heißt die Adresse? Wie heißt das Kind? Was sagen?
Deutschland: Kindern kannst du erklären, dass sie im Notfall 110 wählen dürfen. Österreich: 133 (oder 112). Je nach Alter kann ein Zettel mit Adresse und wichtigen Nummern im Schulranzen helfen.
Schritt 5: Die Notfalltasche („Go-Bag“) – das Minimum, das du wirklich brauchst
Eine Notfalltasche ist ein zentraler Baustein eines Sicherheitsplans. Sie sollte leicht sein, unauffällig und dort liegen, wo du sie schnell greifen kannst – oder bereits bei einer Vertrauensperson.
Checkliste für deine Notfalltasche
- Dokumente: Ausweis/Reisepass, Aufenthaltstitel, Geburtsurkunden, Krankenkassenkarte/e-card, Impfpass
- Finanzen: Bankkarte, Bargeld, ggf. Sparbuch/Unterlagen
- Schlüssel: Wohnung, Auto, Briefkasten
- Medikamente: notwendige Dauermedikation, Rezepte, Allergiepass
- Kommunikation: Ladegerät, Powerbank, Zweithandy/Prepaid (wenn möglich)
- Alltag: kleine Hygieneartikel, Wechselwäsche, Brille/Kontaktlinsen
- Kinder: Lieblingskleinteil, Windeln, Schulunterlagen, Kuscheltier
Tipp: Mache Fotos/Scans wichtiger Dokumente und speichere sie in einer geschützten Cloud oder auf einem USB-Stick, den du außerhalb der Wohnung aufbewahrst.
Schritt 6: Digitale Sicherheit – wenn Kontrolle über Handy, Accounts und Standort läuft
Digitale Gewalt ist in Deutschland und Österreich ein häufiges Element häuslicher Gewalt. Ein Schutzplan sollte deshalb digitale Schutzmaßnahmen enthalten, ohne dich in zusätzliche Gefahr zu bringen.
Anzeichen für digitale Überwachung
- Der Täter/die Täterin weiß Dinge, die du nicht erzählt hast
- Unerklärliche Logins, veränderte Passwörter, unbekannte Geräte
- Ortungsfunktionen sind aktiv, du findest unbekannte Apps/Profiles
Sofortmaßnahmen (risikoarm)
- Nutze für Beratung ein sicheres Gerät (Freund:in, Arbeit, Bibliothek)
- Ändere Passwörter nur, wenn es sicher ist (sonst kann es Eskalation auslösen)
- Aktiviere Zwei-Faktor-Authentifizierung auf einem sicheren Gerät
- Prüfe Freigaben: Standort, Kalender, Familienfreigaben, geteilte Fotoalben
Wichtige Konten priorisieren
- E-Mail (Schlüssel zu allem)
- Banking
- Telefonvertrag/SIM
- Messenger und Social Media
Praxis-Tipp: Lege eine neue, neutrale E-Mail-Adresse an (z.B. für Behörden/Beratungsstellen), zu der der Täter/die Täterin keinen Bezug hat. Nutze starke Passphrasen und speichere sie nicht auf gemeinsam genutzten Geräten.
Schritt 7: Dokumentation – Beweise sichern, ohne dich zu gefährden
Dokumentation kann helfen, Schutzanordnungen zu bekommen, Sorgerechtsfragen zu klären oder strafrechtliche Schritte einzuleiten. Aber: Deine Sicherheit geht vor. Wenn Dokumentation riskant ist, lass es und hole Unterstützung über Beratungsstellen.
Was dokumentieren?
- Datum, Uhrzeit, Ort, Beschreibung des Vorfalls
- Fotos von Verletzungen (mit Datum), beschädigten Gegenständen
- Chats, E-Mails, Sprachnachrichten, Anruflisten, Drohungen
- Ärztliche Befunde (z.B. nach Behandlung)
Sicher aufbewahren
- Außer Haus: bei Vertrauensperson oder in einem Schließfach
- Digital: verschlüsselt oder in sicherem Cloud-Ordner mit neuem Passwort
- Wenn möglich: Kopie an eine Beratungsstelle/Anwält:in
Schritt 8: Rechtliche Optionen in Deutschland – Gewaltschutz, Polizei, Wohnungsverweisung
In Deutschland gibt es mehrere Instrumente, die Betroffene stärken können. Welche Option passt, hängt von deiner Situation und deinem Sicherheitsgefühl ab.
Polizeiliche Maßnahmen
- Bei akuter Gewalt: Polizei rufen, Vorfall aufnehmen lassen
- Je nach Bundesland: Wohnungsverweisung und Rückkehrverbot (zeitlich befristet)
Gewaltschutzgesetz (GewSchG)
- Möglich sind gerichtliche Schutzanordnungen (Kontaktverbot, Näherungsverbot)
- Auch Regelungen zur Nutzung der gemeinsamen Wohnung können getroffen werden
Unterstützung bei der Umsetzung
- Frauenberatungsstellen, Opferhilfe, Anwält:innen
- In vielen Regionen: Interventionsstellen/Kooperationsprojekte gegen häusliche Gewalt
Hinweis: Abläufe unterscheiden sich regional. Eine lokale Beratungsstelle kann dir sagen, was in deinem Bundesland praktisch am schnellsten greift.
Schritt 9: Rechtliche Optionen in Österreich – Gewaltschutzgesetz, Wegweisung, Betretungsverbot
Österreich hat ein etabliertes System im Bereich Gewaltschutz. Häufige Schritte sind Wegweisung und Betretungs- und Annäherungsverbot, die von der Polizei ausgesprochen werden können.
Polizeiliche Sofortmaßnahmen
- Wegweisung aus der Wohnung
- Betretungs- und Annäherungsverbot (Schutzbereich rund um Wohnung/Arbeitsplatz)
Gewaltschutzzentren / Interventionsstellen
- Unterstützung bei Sicherheitsplanung, rechtlichen Schritten und Vernetzung
- Begleitung zu Gericht/Behörden (je nach Angebot)
Praxis-Tipp: Frage aktiv nach einer Anbindung an ein Gewaltschutzzentrum – das kann dir helfen, die nächsten Tage strukturiert und sicher zu organisieren.
Schritt 10: Sichere Unterbringung – Frauenhaus, Schutzwohnung, kurzfristige Alternativen
Wenn Zuhause nicht sicher ist, kann eine Schutzunterkunft ein entscheidender Schritt sein. Viele Einrichtungen arbeiten vertraulich und unterstützen auch bei Behördenwegen.
Optionen in Deutschland
- Frauenhäuser (regional organisiert; Aufnahme je nach Kapazität)
- Schutzwohnungen und Übergangsangebote
- Beratungsstellen, die Plätze vermitteln oder Alternativen kennen
Optionen in Österreich
- Frauenhäuser und Schutzunterkünfte
- Unterstützung über Frauenhelpline und Gewaltschutzzentren
Wenn du (noch) nicht gehen kannst
- Erhöhe kurzfristig Sicherheit (Notfallnetzwerk, Codewort, Notfalltasche)
- Plane „Zeitfenster“: Wann ist die gewaltausübende Person sicher nicht da?
- Hole Beratung diskret über Chat/Telefon (wenn sicher)
Schritt 11: Finanzen und Alltag – ökonomische Kontrolle durchbrechen
Ökonomische Gewalt bindet Betroffene oft stärker als emotionale Abhängigkeit. Ein realistischer Sicherheitsplan berücksichtigt deshalb Geld, Konten und laufende Verpflichtungen.
Erste, machbare Schritte
- Wenn möglich: eigenes Konto eröffnen (ggf. Online-Banking nur über sicheres Gerät)
- Kleine Beträge als Notreserve zurücklegen
- Wichtige Unterlagen sichern: Arbeitsvertrag, Lohnzettel, Mietvertrag, Versicherungen
Unterstützung in DE/AT
- Schuldnerberatung (wenn Schulden auf deinen Namen gemacht wurden)
- Sozialberatung (Ansprüche, Übergangsleistungen)
- Beratungsstellen zu Trennung/Unterhalt/Sorgerecht
Schritt 12: Gesundheitsversorgung – medizinische Hilfe, Trauma, psychosoziale Unterstützung
Gewalt hat körperliche und psychische Folgen. Medizinische Versorgung kann nicht nur helfen zu heilen, sondern auch Beweissicherung unterstützen. Gleichzeitig sind Angst, Scham oder Druck häufig – das ist verständlich und kein Zeichen von Schwäche.
Medizinische Schritte
- Bei Verletzungen: ärztliche Versorgung (Hausarzt, Notaufnahme)
- Dokumentation von Befunden erbitten
- Bei sexualisierter Gewalt: so früh wie möglich spezialisierte Hilfe suchen
Psychosoziale Unterstützung
- Traumaberatung/Therapie (ggf. über Beratungsstellen vermittelt)
- Selbsthilfegruppen, Gewaltopferberatung
- Stabilisierende Alltagsroutinen (Schlaf, Essen, kleine sichere Kontakte)
Schritt 13: Kommunikation und Verhalten in Eskalationsmomenten (Deeskalation ohne Selbstaufgabe)
Ein Teil von Schutzstrategien ist, Eskalation zu vermeiden – nicht weil du verantwortlich bist, sondern weil es in akuten Situationen Sicherheit erhöhen kann. Gleichzeitig gilt: Du bist nicht zuständig, Gewalt zu managen.
Wenn du merkst, dass die Situation kippt
- Halte dich in der Nähe eines Ausgangs auf
- Vermeide Räume mit gefährlichen Gegenständen
- Wenn möglich: kurze, neutrale Sätze; keine langen Diskussionen
- Nutze das vereinbarte Codewort oder rufe Hilfe
Wichtig: Manche Täter:innen eskalieren gerade dann, wenn Betroffene ruhig bleiben oder Grenzen setzen. Deshalb ist dein persönliches Sicherheitsgefühl entscheidend: Wenn „Deeskalation“ nicht funktioniert, ist Abbruch und Flucht oft sicherer.
Schritt 14: Trennung planen – besonders sensible Phase mit erhöhtem Risiko
Eine Trennung kann der richtige Schritt sein, ist aber häufig eine Hochrisikophase. Ein Sicherheitsplan bei häuslicher Gewalt sollte daher eine Trennungsstrategie enthalten, die nicht spontan und ungeschützt passiert – wenn das vermeidbar ist.
Vorbereitung der Trennung
- Beratung einholen (Frauenberatung, Gewaltschutzzentrum, Anwält:in)
- Sichere Unterkunft/Adresse organisieren
- Wichtige Dokumente und Notfalltasche vorbereiten
- Arbeitsplatz/Schule/Kita informieren (nur soweit nötig und sicher)
Nach der Trennung: Schutz konsequent umsetzen
- Kontaktwege reduzieren, neue Routinen (Wege, Zeiten) einführen
- Social Media: Standortdaten, Fotos, Check-ins vermeiden
- Freund:innen/Familie briefen: keine Infos weitergeben
Schritt 15: Stalking und Nachstellung – wenn die Gewalt nach dem Auszug weitergeht
Viele Betroffene erleben nach einer Trennung Stalking, Drohungen oder digitale Überwachung. Hier helfen strukturierte Schritte.
Was du tun kannst
- Vorfälle protokollieren (Datum, Ort, Zeugen, Screenshots)
- Kontakt konsequent meiden (keine Diskussionen über Chat)
- Schutzanordnungen prüfen (Kontakt- und Näherungsverbot)
- Arbeit/Schule informieren, Foto und klare Handlungsanweisung geben
Tipp: Lege mit Unterstützer:innen klare Regeln fest: Wer begleitet dich, wer ist Notfallkontakt, wer kann im Ernstfall Kinder abholen?
Schritt 16: Unterstützungssysteme in Deutschland und Österreich – wohin du dich wenden kannst
Ein Schutz- und Sicherheitsplan ist leichter umzusetzen, wenn du professionelle Unterstützung nutzt. In Deutschland und Österreich gibt es bewährte Strukturen – und du musst nicht alles alleine organisieren.
Deutschland: zentrale Anlaufstellen
- Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 116 016 (Telefon/Chat, anonym, mehrsprachig)
- Polizei: 110
- Opferhilfe und lokale Frauenberatungsstellen (regional unterschiedlich)
- Nummer gegen Kummer: 116 111 (für Kinder/Jugendliche; Zeiten beachten)
Österreich: zentrale Anlaufstellen
- Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800 222 555
- Polizei: 133 (oder 112)
- Rat auf Draht: 147 (für Kinder/Jugendliche)
- Gewaltschutzzentren / Interventionsstellen: regional verfügbar
Hinweis: Nicht jede Betroffene ist eine Frau und nicht jeder Täter ist ein Mann. Wenn du andere passende Angebote suchst (z.B. für Männer, LGBTQIA+, Migrant:innen), kann eine allgemeine Beratungsstelle dich in der Regel vertraulich weitervermitteln.
Vorlage: Dein persönlicher Sicherheitsplan (zum Kopieren)
Du kannst die folgende Struktur als Grundlage nehmen und in einem Notizbuch, als Dokument oder bei einer Vertrauensperson hinterlegen. Nutze neutrale Bezeichnungen, falls du befürchtest, dass jemand es findet.
1) Notfallkontakte
- Polizei/Notruf: ________
- Beratungsstelle/Hilfetelefon: ________
- Vertrauensperson 1 (Name/Nummer): ________
- Vertrauensperson 2 (Name/Nummer): ________
2) Codewort und Check-in
- Codewort: ________
- Check-in Zeit: ________
- Was passiert, wenn ich mich nicht melde? ________
3) Fluchtplan
- Erster Fluchtweg: ________
- Zweiter Fluchtweg: ________
- Treffpunkt: ________
4) Notfalltasche
- Ort der Tasche: ________
- Wichtige Inhalte: Dokumente, Geld, Schlüssel, Medikamente, Ladegerät
5) Kinderplan (falls relevant)
- Sicherer Ort für Kinder: ________
- Notruf üben: Adresse/Name/Nummer
- Abholperson: ________
6) Digitale Sicherheit
- Sicheres Gerät für Beratung: ________
- Wichtige Passwörter geändert (wenn sicher): Ja/Nein
- 2FA aktiviert: Ja/Nein
Häufige Fragen (FAQ)
„Ich bin nicht sicher, ob das wirklich häusliche Gewalt ist – soll ich trotzdem einen Plan machen?“
Ja. Ein Sicherheitsplan ist auch dann sinnvoll, wenn du „nur“ Kontrolle, Drohungen oder Angst erlebst. Du musst nicht warten, bis es schlimmer wird. Viele Maßnahmen (Notfallkontakte, Codewort, Dokumentensicherung) sind präventiv und können dir Handlungsspielraum geben.
„Was, wenn ich aus finanziellen Gründen nicht gehen kann?“
Dann liegt der Fokus auf Teilschritten: Notfalltasche, Netzwerk, Beratung, Informationen zu Leistungen/Unterstützung und ein realistischer Zeitplan. Beratungsstellen können oft bei Unterbringung, Rechtsfragen und finanziellen Übergängen helfen.
„Was, wenn ich Angst habe, dass die Polizei alles schlimmer macht?“
Diese Sorge ist verbreitet. Du kannst zunächst anonym beraten lassen (z.B. Hilfetelefon/Helpline, Beratungsstelle) und gemeinsam abwägen. In akuter Gefahr ist die Polizei jedoch oft der schnellste Weg zu Schutz.
„Kann ich den Plan auch für Freund:innen erstellen?“
Du kannst unterstützen, indem du Informationen teilst, ein offenes Ohr hast und bei praktischen Dingen hilfst (z.B. Dokumente sichern, Notfalltasche lagern). Wichtig ist, die Entscheidungen der betroffenen Person zu respektieren und keine riskanten Aktionen ohne Absprache zu starten.
Fazit: Sicherheit ist ein Prozess – und du musst ihn nicht allein gehen
Ein persönlicher Schutz- und Sicherheitsplan hilft dir, in einer belastenden Situation wieder Handlungsfähigkeit zu gewinnen. Er kombiniert Notfallmaßnahmen (Kontakte, Fluchtwege, Notfalltasche) mit mittel- und langfristigen Schritten (digitale Sicherheit, rechtliche Optionen, finanzielle Stabilisierung, psychosoziale Unterstützung). Entscheidend ist, dass du den Plan an deine Realität anpasst – in kleinen, machbaren Schritten.
Wenn du unsicher bist, wo du anfangen sollst: Beginne mit einem Punkt – zum Beispiel einem Codewort mit einer Vertrauensperson oder dem Zusammenstellen der wichtigsten Dokumente. Und hol dir Unterstützung: In Deutschland und Österreich gibt es rund um die Uhr erreichbare Stellen, die dich vertraulich begleiten können.
Notfall: Deutschland 110/112 • Österreich 133/112. Beratung: Deutschland 116 016 • Österreich 0800 222 555.